Ein unerwarteter Auftritt: Opernsänger Fabio Armiliato begrüßt
uns mit einem Motherboard in der Hand. "Ich rüste eben meinen PC auf,
entschuldigt er sich fröhlich. Unbekümmert steht er vor dem ausgeweideten
Rechnergehäuse und wirkt so gar nicht wie ein schmachtender Heldentenor, der immer eine
Arie auf den Lippen trägt. Ein Gipsrelief - der Kopf von Giuseppe Verdi - blickt streng
auf den Desktoprechner, der schräg darunter auf dem Schreibtisch steht. Im Arbeitszimmer
des Weltklassetenors aus Genua ist moderne Technik gefragt - nicht nur aus
Prestigegründen, sondern konkret zum Arbeiten. Der Sänger klassischer Arien und Opern
überbrückt die scheinbare Kluft zwischen Oper und Digitaltechnik: Macht er
Stimmübungen, ist immer der PC dabei und kontrolliert die goldene Kehle. "Die
menschliche Stimme ist ein so zartes Instrument. Mein Ziel ist, sie vollkommen zu
beherrschen. Der ehrgeizige Tenor vertraut bei der Analyse seiner Stimme mehr auf
den Computer, als es andere Sänger seines Formats tun. Bei der Aufführung von
"Tosca, im Sommer 1995, vertraute er dagegen der Harmlosigkeit von
Bühnenmunition. Ein Fehler: Salvenschüsse der Statisten trafen ihn im Bein, und
Armiliato ging mit seiner dramatischen Rolle als Cavaradossi durch die Weltpresse.
Fabio Armiliato gastierte nach seinem Gesangs- und Kompositionsstudium in Genua Ende
der 80er Jahre eine Saison in Essen. Er nutzt das Gastspiel als Sprungbrett auf die
großen Bühnen: Die Metropolitan Opera in New York, weitere Engagements in USA, Italien,
Japan, Argentinien folgten. Der Aufsteiger Armiliato pendelt längst zwischen New York und
Genua. In Italien lebt seine Familie und im Big Apple sein Gesangslehrer. Digitaler
Reisekamerad, vor allem auf Tourneen, aber ist ein Notebook.
"Mein Notebook ist mir wichtiger als ein Sekretär, da steckt sehr viel von meiner
Arbeit drin: Partituren, Melodien, alles, was ich zum Üben im Hotelzimmer brauche.
Die Midi-Synthese ermöglicht Armiliato die Kontrolle über seine Stimme. Er öffnet eine
Audiodatei und läßt ein neapolitanisches Lied spielen; die Wiedergabetreue seiner Stimme
und der Klang des Klaviers entsprechen exakt der Tonqualität einer CD. Er spürt durch
die digitale Rückmeldung jede noch so kleine Ungenauigkeit seiner Stimme auf. Was
üblicherweise ein Lehrer bemängeln würde, hört der rassige Südländer selbst über
die Audiodatei. "Damit kann ich meine Stimme unter verschiedenen Kriterien wie
Klangfarbe, Vibrationen und Obertöne technisch kontrollieren, erklärt der Sänger.
Bei aller Technikbegeisterung steht für den Tenor trotzdem fest, daß "nichts die
Unterweisung eines Lehrers ersetzen kann, auch das beste PC-Programm zum Üben
reicht für Sänger nicht aus, "um Oper richtig erfassen zu können.
Als Stimmtechniker beschäftigt sich Armiliato auch intensiv mit Phonetik, der
Wissenschaft von der Lauterzeugung. Seine Aufzeichnungen über Stimm-Emission und
Vibration der Mundöffnung verarbeitet er mit einer Sprachanalyse-Software. Ergebnis
dieser Studien soll eine CD-ROM werden, da es in Italien dazu noch fast kein Material
gibt. Unter den großen Maestri verehrt der Troubadour vor allem Beniamino Gigli. Der
Tenor hatte einst den Knirps Fabio für die Oper begeistert: "Seine Stimme hatte mich
regelrecht verzaubert, sagt Armiliato heute und zieht andächtig ein Paar
Theaterschuhe aus einer Schublade hervor - sie sind von Gigli.
Aus einer anderen Schublade fördert er alte Fundstücke anderen Kalibers zutage:
Midischnittstellen - von den ersten Betriebssystemen angefangen bis hin zum heutigen
Plug-and-Play-System. "Mit den Hardwarekomponenten, die ich bisher gekauft habe,
könnte ich ein Informatikmuseum eröffnen. Sein Interesse an der Computerei
entflammte früh - mit einem Spectrum Sinclair, das war Anfang der 80er Jahre. Danach
folgte der Commodore 64. Er mußte aber noch auf den Atari warten, bis er auch musikalisch
mit dem Computer arbeiten konnte.
Sein Arbeitszimmer ähnelt deshalb auch mehr einem Tonstudio: Elektrisches Klavier,
Mischpult, Klangdatenverarbeitung, Mikrofon und PC stehen zwischen traditionellen
Arbeitsmitteln wie Flügel, Notenständer und Partituren. Seine Art, die Oper zu leben,
ist für Startenöre seines Kalibers nicht ganz typisch. Armiliato steckt nicht nur seine
kleine Tochter Allesandra mit seiner Multimedia-Begeisterung an, er hat auch vor, an
amerikanischen Highschools zu unterrichten. Über die spielerische Komponente des
Computers will er ihnen Lust machen, eigene Musik zu komponieren. Oper und PC - für
Armiliato sind diese Welten längst zusammengewachsen.
Der menschenscheue Tenor nutzt auch das Web; er zieht es anderen Medien vor, um sich
darzustellen. "Ich finde es wichtig, im Netz präsent zu sein, weil ich via E-Mail
auf ganz neue Weise mit dem Publikum in Kontakt bleiben kann. Noch vor Superstar
Pavarotti hatte der stimmgewaltige Genuese seine - selbstgebastelte - Homepage im Internet
http://ourworld.compuserve.com/homepages/farmiliato.
Ohne Internet geht bei Cyber-Surfer Armiliato gar nichts mehr. "Wenn ich auf
Tournee bin, telefoniere ich via Internet mit meiner Familie, lese im Netz italienische
Zeitungen und rufe die Spielergebnisse über meine Fußballmannschaft Sampdoria Genua
ab. Und nicht nur das: Wenn er sich vor großen Auftritten entspannen muß, hilft
ihm dabei auch sein Notebook: "Am liebsten spiele ich dann Quake.
Paola Colombo
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